Biodiversität in Gewerbe und Industrie

Auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) verabschiedete die Staatengemeinschaft 1992 in Rio de Janeiro das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD), dem inzwischen 189 Staaten beigetreten sind. Deutschland hat das Übereinkommen 1993 ratifiziert. Neben der Klimaschutz-Konvention ist die CBD das weltweit ambitionierteste Abkommen für eine nachhaltige Entwicklung, das die Mitgliedsstaaten verpflichtet, jeweils nationale Strategien zu entwickeln (CBD, Artikel 6).

Deutschland hat 2007 die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt per Kabinettsbeschluss in Kraft gesetzt. Die Bundesländer stellten im Folgejahr eigene Pläne zur Erhaltung der biologischen Vielfalt mit landesweiter Schwerpunktsetzung vor. So allmählich sickert der Stellenwert der heimischen Flora und Fauna durch - bis in ein naturnahes Betriebs- und Industriegelände.

Dabei ist es keine neue Idee, dass man Natur & Wirtschaft auf dem Betriebsgelände zusammen bringen könnte. Seit  1995 existiert in der Schweiz eine gleichnamige Stiftung, gegründet und getragen vom Bund, verschiedenen Firmen sowie Mitgliedern der Schweizer Naturgarten-Organisation. Sie berät und zertifiziert zum Thema. Die Stiftung Natur & Wirtschaft verleiht Ihr Qualitätslabel an Firmen, welche die Natur auf ihrem Areal fördern. Ziel der Stiftung ist, mehr Farbe, Leben und Vielfalt auf Firmenareale zu bringen. Weniger Unterhalt, kein Dünger und keine Pestizide tragen dazu bei und sparen noch Geld. Mehr: www.naturundwirtschaft.ch.

 

Natur und Wirtschaft in Deutschland und Österreich?

Ab 1985 gab es auch hierzulande einige Einzelprojekte (und hier speziell Blumenwiesen). So säte Bernd Dittrich von Syringa-Samen (Fachbetrieb für Naturnahes Grün - Empfohlen von Bioland) in jenem Jahr 2500 m² Blumenwiesen im Außengelände der Klinken Schmieder in Gailingen an. Die Fläche ist bis heute vorbildlich. Rieger-Hofmann arbeitet auch seit langen mit Blumenwiesenansaaten in Gewerbe und Industrie, so etwa 2005 bei der Allianzarena in München. 

Eine der ersten umfassenden und konsequenten naturnahen Gesamtgestaltungen stammt aus dem Jahr 1997. Reinhard Witt plante die Freiflächen der Firma Wenninger & Kugler im oberbayerischen Niederneuching im Mischgewerbegebiet. Ein beachtliches Vorbild:  48 % der Gesamtfläche sind naturnah, 52 % bebaut und betongepflastert. Der Neubau wurde mit verschiedenen artenreichen Blumenwiesen, Wildstaudenbeeten, Naturnahen Rosen, Hecken aus heimischen Gehölzen, nicht versiegelten Parkflächen und einer natürlichen Regenwassernutzung (mit Biotopfunktion) und anschließender Versickerung versehen. Bis heute hat sich das Projekt bewährt und sehr gut entwickelt. Neben den ästhetischen und ökonomischen Aspekten (optisch  ansprechend, sehr kostengünstig) hat sich die Anlage auch aus naturschutzfachlicher Sicht bewährt. So gehören neben einer Unzahl von Wildbienen, Hummeln, Heuschrecken und Co. auch  Laubfrosch und verschiedene Tagfalter, wie Bläulinge zu den regelmäßige Besuchern. Dann rührte sich hierzulande fast ein Jahrzehnt nicht viel.

2006 kam das Biohotel Hohenbercha dazu. 2008 startete das Pilotprojekt mit E.ON. Das wurde gewissermaßen zum Schaltjahr für Deutschland. Der Stromkonzern begann umzudenken - im grünen Bereich. Er produziert "Natur unter Strom". Zwei Umspannwerke in Bayern wurden mit verschiedenen Wildblumenwiesenmischungen eingesät. 5.560m² und 13.450 m². Zwei Beispiel gebende Projekte, für eine naturnahe, lebendige Zukunft, auch "unter Strom". 2009 folgte bei den Stadtwerken Rüsselsheim eine etwas andere Art der Parkplatzbepflanzung. 

2011 dann bei der BASF Ludwigshafen auf mehreren Tausend Quadratmetern naturnahe Begrünung, außerdem das Biohotel Alter Wirt in Grünwald. 2012 realisierte dann die Automobilindustrie den Stellenwert naturnahen Grüns als Leitbild der Zukunft. Das Getriebewerk in Rastatt von Mercedes-Benz (UN-Dekade-Projekt für Mai 2013/15) und Evobus aus Ulm gehören zu den Pionieren ihrer Art. 2013 bewegt sich immer mehr: Drei Pilotprojekte von Skywalk, Höfler Gemüsebau und Deutscher Bahn zeigen, dass der Wildblumenweg weiter und breiter wird. 2014 sind wir erneut ein gutes Stück vorangekommen. Die 11 % naturnahe Grünflächen allein im öffentlichen Bereich des 8 ha großen Gewerbegebietes von Rankweil in Vorarlberg weisen in die Zukunft, das ist mehr als der Naturschutz landesweit gerne hätte. 2015 ein neuer Paukenschlag. Die 2,2 Hektar naturnah gestaltete Freiflächen von Scherzer Gemüse in Dinkelsbühl machen bereits 14 % des Flächenverbrauchs aus, das ist bundesweit rekordverdächtig und vorbildlich. Auf dieser Seite können Sie meine Projekte anklicken und visionieren, wohin die Reise gehen wird: Naturnahes Grün im Gewerbe und Industrie wird in nicht allzulanger Zeit Standard sein bei der Freiflächengestaltung. Nicht nur der Biodiversität wegen, sondern viel besser: wegen uns! Wir machen es vor, machen Sie es nach!

Wenninger & Kugler, Niederneuching 1997. Eine der ältesten naturnahen Gewerbebegrünungen Deutschlands. 48 % naturnahe Fläche!
Biohotel Hohenbercha, 2006. Ein Platz zum Genießen. Essen, trinken plus Natur. Aufs Foto klicken
E.ON, 2008. Ein Bläuling kommt selten allein. Hunderte! Umspannwerk, rund 86 % naturnah. Deutscher Rekord!
Stadtwerke Rüsselsheim, 2009. Parkplatzstreifen naturnah.
Biohotel Alter Wirt, Grünwald 2011. Sanfte Optimierung und Umgestaltung eines bereits sehenswerten Geländes. Aufs Foto klicken.
Daimler, Rastatt 2012/14/15. Erster Industriebetrieb Deutschlands mit einer naturnahen, nach Biostandards zertifizierten Grünfläche. UN-Dekade-Projekt, 2013/15.
Evobus, Neu-Ulm 2012. Umwandlung von 3800 m² Rasen nach der Burri-Methode.
REWE-Markt, Aßling 2012. Wunderbare Wildblumenwiesen, Säume und ein Zwiebelfrühling.
Deutsche Bundesbahn, Herrsching 2013. Neuer Lebensraum für Rote-Liste-Arten Zauneidechse und Schlingnatter.
Höfler Gemüsebau, Nürnberg 2013/14. Die Gemüsebauregion Nürnberg startet blumig.
Skywalk Gewerbebau, Marquartstein 2013. 54 % der 3547 m² Gesamtfläche naturnah!
Bankplatz neu interpretiert. Die Raiffeisen-VR Bank in Benningen, 2014.
8 Hektar naturnahes Gewerbegebiet in Vorarlberg, Rankweil 2014. Schon 11 % Naturnah.
Scherzer Gemüse, Dinkelsbühl 2015. 2,2 von 15,4 Hektar oder rekordverdächtige 14 % naturnah. Unübertroffen.
Daimler, Gaggenau 2015. Mit 5480 Wildstauden und 17100 Zwiebeln einfach umgestaltet.
7753 m² von bald 2,5 ha Blumenwiesen. Spannend. Illwerke, Vandans 2015.
Volksbank Vorarlberg, Rankweil 2016. 420 m² für Mauereidechse und Platterbsen-Mörtelbiene.

Und die Tiere?

Wildtiere liegen mir, seit ich mitfühlen kann, am Herzen. Im Buch Natur für jeden Garten konnte ich nachweisen, dass naturnahe Privatgärten erheblich zum Artenschutz beitragen. Sie retten Tierarten, darunter viele hochgefährdete Rote-Liste-Kandidaten. Und was ist jetzt mit naturnahen Gewerbe- und Industrieflächen? Nun, wir sind noch in der Phase des Datensammeln. Doch zeigen erste Ergebnisse, dass wir hier genauso effektiv Artenschutz betreiben können. Naturnahe Gewerbeflächen sind zwar meist nicht so vielfältig-, struktur- und pflanzenartenreich wie Privatgärten, dafür aber meist sehr viel größer. Ich könnte jetzt eine ganze Palette von Raritäten aufschreiben, es ist wirklich das komplette Spektrum da. Auch hier erlangen wir einen hohen BioWert. Natürlich hängt es vom Gelände, seiner Gestaltung, seinen Möglichkeiten und dem Umland ab. Wer mehr über den Stellenwert speziell für Wildbienen wissen will, sei auf Rankweil verwiesen. Wenn Sie auf die Bilder klicken, gehts direkt zum betreffenden Projekt selbst, in dem die Tierart gefunden wurde. Allerdings, bitte um Ihr Verständnis, wir können nicht den Heuhaufen darstellen: Also hier nur ein paar hervorstechende Nadeln. 

Raupe vom Sechsfleck-Widderchen in Niederneuching.
Einer vieler erstaunlicher Wildbienenfunde in Rankweil: Platterbsen-Mörtelbiene.
Schwalbenschwanz als stromlinienförmiger Vorbote bei den Illwerken in Vandans.
Bläulinge als Begleiter von Gewächshausern in Nürnberg.
Bei 54 % naturnaher Betriebfläche kein Wunder: Der Laubfrosch in Marquartstein.
Glockenblumen-Sandbiene auf 126 m² in Rüsselsheim.
Distelfink findet neuerdings Samen bei Evobus in Neu-Ulm.
Zauneidechsen-Zuhause bei Daimler in Rastatt.
Bei Scherzer Gemüse in Dinkelsbühl brütende Flußregenpfeifer schon im ersten Jahr, Laubfrösche, Sandgrabwesen. Wollen Sie mehr?