Biodiversität zum Nachmachen

4 x naturnah auf einen Schlag

Projektkoordination Bernd Brunner und Markus Orf, LRA Lindau und Mindelheim
Planung, Bauleitung und Pflegebegleitung
Reinhard Witt, Ottenhofen
Baujahr
2014
Gemeinden
Bad Grönenbach, Benningen, Boos, Kirchheim in Schwaben
Gesamtfläche
2185 m²
Standorte
32
Wildstauden
2185
Wildblumenmischungen
32
Kosten Erstbegehung pro Gemeinde
€ 313
Kosten Planung für 3-5 Flächen/Pflanzenbestellung/Organisation pro Gemeinde
€ 607

 

Das Allgäu-Projekt

Mehr Bunt im Öffentlichen Grün

Als die Kreisfachberater für Gartenkultur  Landespflege für die Landkreise Lindau sowie Unter- und Oberallgäu zu einen Thementag Mehr Bunt im öffentlichen Grün einluden, wünschten, aber wussten sie noch nichts vom Erfolg. Am 21. Februar 2014 kamen unerwartete 107 Teilnehmer aus 64 Gemeinden. Quasi ganz Allgäu war vertreten und lauschte gebannt den Referenten. Als Reinhard Witt dann am Ende seines Vortrages die an sich harmlose Frage stellte, welche Gemeinden wohl Interesse an einem Pilotprojekt mit fachlicher Begleitung hätten, standen die Bürgermeister Schlange bei  Kreisfachberater Markus Orf aus Mindelheim. So soll es sein! Der Arme hatte danach alle Hände voll zu tun. Es kristallisierten sich vier Gemeinden heraus,  die eine relativ weite Verteilung übers Unterallgäu einnahmen als Brut- und Keimzellen künftiger Vielfalt: Kirchheim in Schwaben, Bad Grönenbach sowie Benningen und Boos. In einer Tagestour von Markus Orf und Reinhard Witt führten die Interessenten ihre Flächen vor, zwischen 3-5 waren es.  Ausgewählt als demonstrative Pilotgemeinde wurde schließlich Kirchheim in Schwaben. Es bot die interessantesten Herausforderungen, Techniken und Saatgutmischungen. Kurzum: Hier war besonders viel zu zeigen und zu lernen. Kirchheim war auch finanziell bereit, die Praxisgemeinde zu werden, wo nachfolgend alle Kurse stattfinden sollten. Die dabei anfallenden Beratungskosten der Praxistage fielen demnach in  ihr Budget, während sich alle vier Gemeinden die Begutachtung/Erstbegehung vor Ort  teilen konnten und damit relativ kostengünstig eine fachlich kompetente Einschätzung und danach eine auf ihre Flächen zugeschnittene Detailplanung bekamen. Am 5. Juni war es dann soweit. In Kirchheim fand der erste Kurstag statt: Ausbringen von hygienisiertem Grünkompost auf den bereits vom Bauhof fertiggestellten Flächen aus Kies oder Schotter, Pflanzung der Wildstauden (1 Stück/m²)  sowie die Einsaat mit heimischen Blumenwiesen- und Saummischungen plus diverses Einzelsaatgut. An diesem Tag waren alle Bauhöfe und sonstige Interessierte eingeladen, kostenlos teilzunehmen und so die essentiellen Erfahrungen für die zukünftige eigene Praxis zu erwerben. Denn, auch das stand an, im Anschluss an den Kurs bekamen die drei anderen Bauhöfe des Pilotprojekts  ihre Initialstauden und das Saatgut überreicht. So konnten auf einen Schlag im Juni 20 Standorte mit 32 unterschiedlichen Mischungen und sage und schreibe 2185 gepflanzten Wildstauden bewältigt werden.

Der nächste Termin fand dann knapp 12 Wochen später statt. Am 28. August wurde die erste Pflegerunde gemeinsam durchgeführt. Kostenlos für alle teilnehmenden Allgäuer Gemeinden bis auf Kirchheim. Doch dieses hatte natürlich den Vorteil, die Arbeit und die Praxis direkt vor Ort zu bekommen, während die anderen Teilnehmer das bei sich daheim noch nachmachen durften. Am 22. Oktober folgte dann der letzte der drei Praxisdemonstrationen: Hier wurden erneut gejätet und Abertausende von Wildblumenzwiebeln in die besäten Flächen gesetzt - und wieder erhielt jede der drei anderen Pilotgemeinden ihre Zwiebeln zu sich nach Hause. Weil es so viel Freude machte und so effektiv und erfolgreich war, beschloss Kirchheim das Projekt auch 2015 weiter zu finanzieren, mit einem weiteren gemeinsame Pflegegang im Frühjahr 2015. Außerdem will die Gemeinde nach dem schönen Anfangserfolg weitere Flächen 2015 dazu nehmen, wie die anderen teilnehmenden Gemeinden auch. Sogar die Raiffeisenbank in Benningen hat sich mit ihrer Rasenfläche vorm Haupteingang schon drangehängt und profitierte vom gewachsenen Knowhow ihres Bauhofes.

Alles in allem ein erfolgreiches Modell, wie man Gemeinden vor Ort sehr praktisch schulen kann. Denn das haben zahllose meiner Projekte und besonders die Erfahrungen in Vorarlberg mit Naturvielfalt in der Gemeinde und auch der Biodiversiätstag in Wädenswil am 6. 11. 2014 in  der Schweiz gezeigt. Es mangelt nicht an theoretischem Wissen oder Wollen, sondern an der Erfahrung vor Ort. Denn letztlich stehen der Bauhof und seine Mitarbeiter mehr oder weniger alleine auf der Fläche und müssen entscheiden: Ist die Gartencenter-Wildblumenmischung nicht doch besser, billiger wäre sie auf jeden Fall? Wir brauchen doch gar keinen Kies anstelle einer Rasenfläche, wir säen direkt auf dem Oberboden! Außerdem: Diese "Mössinger Blumenwiese" sieht doch super aus! Warum sollen wir nicht unseren eigenen hausgemachten Kompost nehmen, der kostet gar nichts? Kommt das kleine grüne Ding da raus? Oder ist es doch eine keimende Margerite und darf auf keinen Fall raus?

Solche Fragen regelt der Kursalltag und die erfolgreich laufende Praxis. Jeder sieht mit eigenen Augen und spürt mit Händen, wie und dass es geht. Aber eben nur so. Wenn dazu noch ein bisschen Spaß kommt und Lust, so etwas auch bei sich zuhause zu tun, dann gehen alle Gemeindemitarbeiter gestärkt und hochmotiviert nach Hause, um das mit Begeisterung vor Ort zu tun, was vielfach am meisten fehlt: Biodiversität in die kommunalen Rasenflächen zu bringen. Man könnte auch sagen: Mehr Bunt im Öffentlichen Grün.

Bad Grönenbach brachte 6 Standorte mit ein. Die größte ist ein Kreisverkehr mit 200 m².
Benningen startete mit 5 Standorten, dazu kam dann als 6. die Raiffeisenbank. Hier eine komplizierte Fläche, bereits im Vorfeld mit Rasen besäte Sickermulden.
Boos begann mit drei Straßenabschnitten. Hier diverse Einzelflächen rund um einen neuen Kreisverkehr.
Kirchheim in Schwaben stellte als einen von vier Standorten sogar die beiden Raseninseln vor dem Rathaus zur Verfügung.
Hier warten die punktgenau bestellten Wildstauden für vier Kirchheimer Straßenbereiche auf ihre bereits vorbereiteten Standorte.
Zunächst werden in die ausgekofferten und mit Kies bzw. Schotter befüllten Flächen 2 cm Kompost oberflächig verteilt und mit dem Krail oder Rechen eingearbeitet.
Als nächstes werden die heimischen Wildstauden den Bauhofmitarbeitern vorgestellt, dann ausgelegt und fachgerecht gepflanzt. Pro m² je eine Initialstaude.
Bei der Auswahl der Pilotgemeinde, in der die ganze Praxis demonstriert wird, wurde auf eine Vielfalt der Standorte und Mischungen gelegt. Hier eine teils ausgekofferte sonnige bis halbschattige, teils aber auch als Rasen stehen gelassene vollschattige Fläche, wo verschiedene Umwandlungsmethoden gezeigt werden können.
Zum Abschluss des ersten Projekteinsatzes in Kirchheim erhalten alle drei anderen teilnehmenden Gemeinden ihre Wildstauden und Saatgut mit nach Hause. Sie sind nun in der Lage, das selber zu tun.
Nach 3 Monaten erfolgt gemeinsam mit allen vier Gemeinden der 1. Pflegeinsatz in Kirchheim. Es geht fix, denn das Substrat war unkrautfrei. In 1,5 h ist alles fertig gejätet. Unschätzbar wichtig: Die Artenkenntnis, was in diesem Moment aus dieser Fläche herausgenommen wird und warum. Unschätzbar wichtig auch, jeder fährt mit der Gewissheit nach Hause: Es ist gut, was ich mache und kann. Die Ansaaten kommen 100 %! Man kann sich auf diese Methode verlassen, wie Millionen Wildblumenkeimlinge beweisen. Unsere Gemeinde ist auf dem richtigen Weg: Dem von Biodiversität mit heimischen Wildblumen.
Wiederum 2 Monate später folgt der nächste Pflegeeinsatz und, weil es Oktober ist, können gleichzeitig etliche tausend Wildblumenzwiebeln in den Boden. Einige Flächen blühen trotz relativ spätem Projektbeginn schon recht schön. Das motiviert und bringt Vorfreude aufs nächste Jahr. Denn, das ist schon abgemacht, dann geht es weiter. Ein bisschen Knowhow muss sein, sonst funktioniert kein Projekt langfristig gut.

Das 2. Jahr

Auf dass es bunt werde. Genauso ist es gekommen. Alle vier Allgäuer Pilotgemeinden blicken auf eine nie gekannte Artenvielaflt: Öffentliches Bunt

Im April gucken die ersten der vielen Frühlingszwiebeln heraus.
Versickerungsmulden blühen wildblumig kunterbunt, im Mai überzeugt Kuckuckslichtnelke.
Verkehrsbegleitgrün, artenreich und lebendig, am Ortsausgang von Benningen
Wildblumensäume entlang von Straßen, Wegen und Hecken sind Lebensadern für Flora und Fauna.