Ebersberg baut um

Die Münchenerstraße vorher. Nicht berühmt. Gras. Mähwerk. Nichts Neues. Nichts Schönes.
Perfekte Bodenvorbereitung durch Bauhof-Crew. Gras-Ex. Kies-Rein.
Initialstauden finden Platz. Ihren!
Säen will gelernt sein. So ist es recht!
Nicht zu tief, aber immer: Einarbeiten des Saatgutes.
Bescheidenes Ergebnis nach 2 Monaten! Doch Geduld: Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden.

Es gibt solche Bauhöfe:

1.       "Das haben wir schon immer so gemacht!"

2.       "Wildpflanzen, was ist denn das für ein Schmarrn?"

3.       "Funktioniert eh nicht!"

4.       " Sieht geschissen aus!"

Und es gibt solche:

1.       " Das ist die Zukunft!"

2.       "Ich wollte schon immer was mit heimischen Pflanzen im öffentlichen Grün!"

3.       "Bloß wie?"

4.       "Was machen wir falsch?"

5.       " Und, wie geht es richtig?"

Und es gibt solche Kommunen. Die lassen wir mal weg, einfach zu viele. Und nicht erwähnenswert.

Aber, ja, auch solche: "Das wird unser neuer Weg. Ab sofort. Konsequent. Und erfolgreich."

Ebersberg, ist eine solche Kommune mit einem solchen Bauhof. Grünamtsleiter Erik Ipsen und Stadtgärtnereichef Klaus Littmann sind Feuer und Flamme für die Wildpflanzenidee. Ebenso Bürgermeister Brilmayer. Ja, sie hatten schon einige Jahre zuvor herum experimentiert, doch der durchschlagende Erfolg blieb aus. Zuweilen war es auch Miss-Erfolg. Frustrierend…  Ganz einfach: handwerkliche Fehler, mangelndes Knowhow, unzureichende Vernetzung und Kenntnisse. Das Ebersberger Schaltjahr war 2012.  Gleich drei Grünzüge an verschiedenen Straßen wurden Wildpflanzenareale. Nein, keine versteckten Seitenstraßen des vorsichtigen Herumprobierers. Es mussten gleich die beiden Haupteinfallstrassen sein. Was mich freut... Zumal ich selten einen Bauhof erlebe, der mit so viel Herzblut das Thema durchzieht. Die 2-3 stündigen Pflegeeinweisungen alle zwei Monate im Jahr Eins der neuen Zeit sind Lernen durch die Tat. Neudeutsch: Lörnink bei Duink. Und alle vom Stadtgrün sind dabei, nicht nur der Chef. Die (Wild)Pflanzenkenntnisse wachsen enorm, die ganze Grünmannschaft ist wild auf Pflanzen. So schön kann Leben sein.

Vier Monate später

Neugierig? Also gut, fahren wir mal gucken. Und, es blüht. Jeder Standort anders. Kein Wunder, es wurde ja auch jeder anders geplant. Wenn Zutaten und Rezept sich unterscheiden, schmeckt auch der Kuchen anders.

Zuallererst muss mal ein Schild her, was den lieben Mitbürgern erklärt, was unerklärlich erscheint: "Was soll der ganze Schmarrn?" " Dafür hoams Göld!"
Stadtgärtnereileiter Klaus Littmann legt selber Hand an beim Jäten. Kein Schreibtischtäter! Er will das einfach auch wissen.
So schlecht ist die Münchnerstraße nicht, Einjährige sind da und die ersten Initialstauden. Wir sinds zufrieden und fahren weiter...
Dr. Wintrich-Ring. Wir staunen und mancher kniet fast in Ehrfurcht nieder. Ehrfurcht vor dem Leben.
Nein, keine Mücken am Mohn. Dafür aber Langbauch-Schwebfliegen und eine Wildbiene schwebt von rechts gerade heran. Wenn das der Naturschutzreferent vom Landratsamt wissen täte! Naturschutz mitten in der Stadt?
Und auch die Eberhardtstraße am Klostersee hat sich herausgeputzt! Nelkenleimkraut als Einzelansaat in einem bewährten hohen Wildblumensaum. Mehr zu Einzelansaaten in Mischungen: 3. Auflage von Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten von Februar 2012.
Die Bilder wechseln. Während es an einer Straße schon durchgeblüht ist, fängt es Mitte August woanders erst richtig an. Die Wildform des Löwenmauls am Wintrich-Ring Mitte August.
Inzwischen hat es sich in der Tierwelt rumgesprochen, dass Ebersberg Biodiversität mitten in der Stadt praktiziert. Eine Bläulingspaarung am samenreifen Nelkenleimkraut. Ganz in der Nähe der Raupenfutterpflanzen Hornklee. Etwas unscharf, aber Sie wissen ja, wie schnell das bei Schmetterlingen geht, ehe man sich versieht...ist es vorbei.

Ein Jahr später

Was haben Sie erwartet? Dass die Stadt jetzt wieder Rasenflächen drausmacht? Dass es nicht schön aussieht? Dass die Bürger Sturm laufen? Alles genau umgekehrt: 1. Die Wildblumenflächen werden 2013 erweitert, verdoppelt und verdreifacht 2. Es blüht wunderbar 3. Die Bürger sind begeistert

An der Münchnerstraße wogt ein Blumenmeer.
Ebenso dekorativ die heimische Staudenmischpflanzung an der Zugspitzstraße.
Der Favorit aller Bürger aber ist die Ansaat am Klostersee, sie wechselt ständig ihr Bild. Hier im Mai.
Anfang Juni.
Mitte Juni.
Ende Juli und so weiter. Um den Rest mitzubekommen, müssen Sie selber hin. Viel Guckspaß!

Drei Jahre später

Und jetzt, was glauben Sie denn überhaupt? Ja es geht weiter, immer mehr Flächen kommen dazu. Ebersberg will Haar einholen und bald haben sie es geschafft, zumindest von der Anzahl der Flächen her. Inzwischen sind es gut über 30. Viele davon finden sich auf der Landkarte des Lebens. Einige Impressionen, es sind wirklich zu viele, um alles zu zeigen.

Münchner Straße. Traumhafte Schönheit bieten die verschiedenen Ansaaten.
Nachtviolen trumpfen auf in der Ignaz-Pernerstraße unter hohen Bäumen.
Am Park-und Ride am Bahnhof parkt auch Natternkopf kurzfristig.
Die Laufinger Allee hat naturnahe Rosen in sich.
Der Schwedenweg bietet unglaubliche Schönheit. Mehr über solche individuellen Einsaaten im Buch Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten udn im Naturgarten-Profi-Kurs.
Prachtkönigskerzen an der Amtsgerichtskreuzung. Hingucker für alle. Und Hinflieger für alle Hummeln.