Begrünte Wildpflanzen-Gabionen und ein klein bißchen Kunst

Wenn man Spaziergänger und andere normale Menschen, also Nicht-Fachleute, zu den wie auf ein geheimes Zeichen allerorten plötzlich erscheinenden Gabionen befragt, herrscht große Ablehnung. Drahtschotterkörbe mögen bautechnisch interessant und vergleichsweise kostengünstig sein, sie sind auch bestimmt ansehnlicher als die Alternative Betonmauer - aber als ästhetisch werden sie zumeist nicht gesehen. Das kann und soll sich ändern und so wird hier erstmalig der Versuch gemacht, sie dauerhaft zu Lebensräumen für heimische Pflanzen werden zu lassen. Die Gabione als Pflanzenstandort, die mindestens so gut, wenn nicht sogar besser bewachsen sollte als eine Trockenmauer in Naturgarten-Bautechnik!

Die 33 laufenden Meter Murnauer Gabionen wurden also versuchsweise mit heimischen Wildpflanzen begrünt. Zum Einsatz kamen für die Bepflanzung knapp 40 Staudenarten der trockenen, sonnigen, halbschattigen und schattigen Standorte. Die Pflanzungen seitlich und auf der "Mauerkrone" erfolgten mit einem eigens entwickelten Verfahren, das erlauben soll, das sich die Gabione durch und durch begrünen kann, sogar noch schneller und besser als eine gut gebaute Naturstein-Trockenmauer. Zusätzlich wurde die Oberseite mit insgesamt 30 Wildstauden-Arten eingesät. Über die ersten Erfahrungen hier einige Bilder. Aktuellere Details in der 3. Auflage meines Buches Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten, erhältlich im Buchshop dieser Webseite. Ein genauerer Bericht wurde auch auf den Naturgartentagen 2008 im hessischen Grünberg gegeben. Ãœbrigens ein guter Grund, sich ins Netzwerk des Naturgarten e.V. aufnehmen zu lassen. Wissen mit anderen teilen bringt mehr, als Wissen für sich behalten. Dass die Murnauer Gabionen ganz nebenbei noch ein bißchen kunstvoll wurden, stört den Mauerwuchs nicht. Nach Augenzeugenberichten von Mauerpfeffer, Pfingstnelke und Co, fanden sich die Pflänzlein im sowieso künstlerisch inspirirten Murnauer Blauen Land gut zurecht, eine selbstverständliche Voraussetzung für buntes Wachstum.

Bau und das erste Wuchsjahr

Es geht los. Die Qualitätsgabionen von Rothfuss warten auf den Zusammenbau. Werden das tatsächlich 33 laufende bzw. stehende Meter?
Ein bisschen Kunst muss sein. Rektorin Stocker steht in ganzer Größe vor von Schüler bemalten Steinen. Sie werden die Betonschotterkörbe auskleiden.
Einmal abgesehen davon, dass die Gabionen lebendig begrünt werden sollen, ist es zunächst gar nicht so einfach, sie fachgemäß zusammenzusetzen. Wie viele Bauanleitungen, ist auch die vom Hersteller Rothfuss schlecht, unvollständig und missverständlich. Das kostet Zeit und Mühe. Volker Rieger vom Bauamt, Robert Angelmahr und alle anderen Helfer kommen unter Anleitung von Projektleiterin Dorothee Dernbach ordentlich ins Schwitzen. Doch schon bald geht es Meter für Meter gut voran.
Schon während des Aufbaues wurden ständig große Mengen eigens zusammengestellter Pflanzsubstrate eingebracht, auf die Bepflanzung der Mauerkrone mit 40 Wildstaudenarten wírd allerdings besonders Wert gelegt.
Die fertig bepflanzten und besäten Mauern warten auf Wachstum. Es kommt - natürlich und überraschend schnell.
Staudenpflanzungen: Eine Polsterglockenblume streckt sechs Wochen nach der Pflanzung ihre Blüten stolz übers Drahtgitter.
Und Bunten Kronwicken...
oder Zwergglockenblumen gefällt es augenscheinlich gleichfalls bestens. Kein Grund zur Klage. Und keiner zur Sorge!

Ansaaten: Betrachten wir mit großer innerer Ruhe und Zufriedenheit, das sich viele der Arten nach kurzer Zeit keimend zeigen. Seien es nun Wildlauche oder Wildnelken. Ob und wie lange sie sich halten und erfolgreich sind, davon werden wir berichten.

Mit ein bisschen Geduld wird vieles was: Links eine Kronenansaat von Sandnelken nach 4 Monaten.
Weiße und Rote Fetthenne als Pflanzung mit Mauerpfeffersaat am Ende der 1. Saison.
Das mehrjährige Wilde Löwenmaul scheint ein Geheimtipp, ob als Ansaat oder als Pflanzung.
Ein letzter Blick auf die sonnige Mauerbepflanzung zum Saisonende verspricht viel Zukunft. Sie wollen mehr wissen? Kommen Sie doch auf die Naturgartentage 2008, dann erfahren Sie das Neueste!

Das zweite Jahr

Im April blühendes Bergsteinkraut und Frühlingsfingerkraut schmücken die Sonnenseite.
Zimbelkraut hat sein filigranes Netz auf der Schattenseite gesponnen. So stellen wir uns Gabionengrün vor. Es wird, es wird...
Der Mai bringt uns sanftes Rosa des Kriechenden Seifenkrautes...
...und lichtes Gelb vom Lerchensporn.
Auch die Ansaaten gedeihen prächtig. Hier Sandnelke in beginnender Blüte.
Die Kombination von Ansaaten auf der Mauerkrone und der Seitenpflanzungen bewährt sich: Zimbelkraut und Alpensteinquendel eifern im Blütenstreit, Bergsteinkraut im Hintergrund bildet jetzt schon Samen aus.
Ein weiteres Beispiel erfolgreicher Ansaaten: Heidenelke überzieht Mauerkronen mit rosanen Blütenschleiern.
Die meisten der gepflanzten und gesäten Arten haben auch im 2. Jahr überlebt. Was wollen wir mehr?

 

 

Das fünfte Jahr

Sie wollen mehr wissen? Ein Blick in die 3. Auflage des brandneuen Buches Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten zeigt Ihnen die Artenlisten für die gelungenen Ansaaten und Pflanzungen. Mehr dazu im Buchshop dieser Webseite.  

Das Experiment ist geglückt. Fünf Jahre später haben sich 57 % der Ansaaten und 60 % der Staudenpflanzungen auf den Gabionenkronen gut oder sehr gut entwickelt.
Die Ansaaten sind inzwischen flächendeckend.
Und auch die stresstoleranten Staudenpflanzungen haben zugelegt.

 

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