Konsequenter Naturschutz im Siedlungsraum

Hier sollen einst 20 Hektar Gewerbe direkt an der Autobahnabfahrt Rankweil liegen. Noch mehr verbrauchte, versiegelte Landschaft? Oder auch eine Chance für den Naturschutz? Biodiversität im Siedlungsraum? Wir werden sehen und versuchen trotz Gewerbebauten unser Bestes. Bzw. gerade wegen Gewerbebauten.

Projektkoordination

Wilfried Ammann, Christian Breuß, Jens Stritzel, Martin Summer 

Planung und Durchführung

Gesamtkonzept und Beflanzung: Dr. Reinhard Witt, D - Ottenhofen

Bautechnik: Dipl. Ing. Fritz Hilgenstock, CH - Niederuzwil

Praktische Umsetzung: Bauhof Rankweil

Praktikanten

vorwiegend vom Naturgarten-Profikurs IV und V: Katja Alsleben, D - Schönhausen; Wilfried Ammann, A - Rankweil;  Franzi Bauer-Masur, D - Lengries; Benedikt Brockmann, D - Bad Münstereifel; Eva Distler, D - Darmstadt; Miriam Distler, D - Wolnzach;  Ute Geyer, D - Bayreuth; Martin Hotz, A - Bregenz; Krisztina und Bernhard Krauss, D - Rossbach; Maria Menzinger, D - Freising; Erik Rohrer, D - München; Eugen Sturmlechner,  A - Bregenz; Birgit Ueberreiter, D - Leinweiler; Dagmar Wiegel, D - Haar

Adresse und Ansprechpartner

Impulszone Römergrund, Appenzellerstraße, A - 6830 Rankweil
Ansprechpartner Bürgermeister Martin Summer, Am Marktplatz 1, A - 6830 Rankweil

4287 m² Blumenwiesen in 13 Mischungen
4262 m²  Wildblumensäume in 11 Mischungen
115 einzelne, zusätzlich gesäte Wildblumenarten
1345 Wildstauden in 39 Arten
400 Wildgehölze in 35  Arten
16 heimische Straßenbäume in 8 Arten
11250 frühlingsblühende Zwiebeln und Knollen

Die öffentlichen Flächen im Betriebsgebiet A 14

Ein europaweites Leuchturmprojekt begann 2013 in Vorarlberg. Ein Gewerbegebiet, in dem der naturnahe Anteil höher sein wird, als der Naturschutz an Fläche insgesamt in freier Landschaft fordert: Mehr als die für den Artenschutz optimalen 10 % werden hier angestrebt, sie wurden bereits vor dem Bau des ersten Firmengeländes erreicht. Die Marktgemeinde Rankweil  kann durch eine konsequente naturnahe Gestaltung ihrer eigenen Verkehrsrandflächen und Grünstreifen ein wirksames Vorbild für die Gesamtbegrünung des neuen Gewerbegebietes geben. Das positive Beispiel nachhaltiger Ansaaten und Pflanzungen kann und soll sich auf die Eigentümer der Betriebflächen auswirken. Hierzu wird für die anzusiedelnden Firmen ein Maßnahmenkatalog vorgelegt mit allen möglichen naturnahen Begrünungselementen, aus dem sie sich bedienen sollen. So ist eine erwünschte Verzahnung zwischen naturnahem öffentlichem Grün und den betriebseigenen Flächen zu erwarten.

Rankweil als europaweit vorbildliches Naturschutzprojekt

Durch die konsequente Neugestaltung, Umwandlung und Renaturierung aller im Umgriff erreichbaren Areale entstehen auf rund 9164 m² insgesamt 15  Einzelflächen mit heimischen Wildpflanzen. Das bedeutet umgerechnet auf den ersten Bauabschnitt von ca. 8 Hektar Betriebsgebiet immerhin einen Anteil von  rund 11 %. Sicher auch im naturschützerischen und naturerlebnispädagogischen Sinne ein nennenswerter Beitrag. Auch die spaziergehenden und radlfahrenden Gemeindebürger dürften dieses Betriebsgebiet mit in ihre Ausflüge aufnehmen. Damit generieren allein die gemeindlichen Maßnahmen einen Basisbiotopverbund von bemerkswerter Qualität und Wert. Das dürfte in dieser Konsequenz euroapaweit  einmalig sein und beispielhaft für andere Ausweisungen von Gewerbegebieten. Und hier ein Ãœberblick der Flächen. Ausdrücklich werde alle Rand- und Grenzflächen mit in die naturnahe Umgestaltung aufgenommen, auch solche, die nicht direkt von Um- oder  Neubauten betroffen sind. Dadurch entstehen weitere Lebensräume im Rahmen des Programms Naturvielfalt in der Gemeinde.

Radiointerview mit Martin Summer und Reinhard Witt

Hier ein ca. 15 Minuten langes Interview vom Rankweiler Bürgermeister Martin Summer und dem naturnahen Grünplaner Reinhard Witt über das Gewerbegebiet. 

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  • Interview

10 Prozent Naturschutz im Überblick

Das schafft nicht einmal der klassische Naturschutz in freier Landschaft. Wir schaffen das nebenbei und am Straßenrand: 10 % Naturschutzfläche mit heimischen Pflanzen und Tieren: Biodiversität im intensiv genutzten Siedlungsraum. Dabei stimmt diese Tabelle schon gar nicht mehr. Real sind wir 2015 bei 9164 m² naturnah, also über 11 %.

Naturnahe umzugestaltende bzw. neu zu gestaltende Flächen im Betriebsgebiet A 14

Standort

Fläche in m²

Typ

Substrat

Ansaat

 

Östlicher Streifen vor Autobahnauffahrt (AB) Bregenz an Appenzellerstraße

450

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Wärmeliebender Saum + Niedriger Vorarlberger Magerrasen

 

Östlicher Streifen vor Autobahnauffahrt (AB) Bregenz an Appenzellerstraße

60

Neuanlage

Kies/Schotter/Kompost

Niedriger Magerrasen

 

Auffahrtsdreieck vor Autobahnauffahrt (AB) Bregenz an Appenzellerstraße

46

Neuanlage

Kies/Schotter/Kompost

Blumen-Schotter-Rasen + individuelle Mischung

 

 

Westlicher Streifen an AB-Ausfahrt Rankweil und 2 Inseln für Zebrastreifen

70

Neuan

lage

Kies/Schotter/  Kompost

Dachbegrünung

 

Nördliche Insel Einfahrt Betriebsgebiet/AB-Böschung

95

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Dachkräutermischung Dachbegrünung  +

BSR

 

Südlicher Streifen Einfahrt Betriebsgebiet/AB-Böschung

98

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Blumen-Schotter-Rasen

 

Streifen gegenüber AB-Ausfahrt Rankweil

45

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Pflaster/Schotterrasen

 

Oststreifen Einfahrt Betriebsgebiet 

50

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Vorarlberger Blumen-Schotter-Rasen

 

2 Mittelstreifeninseln Einfahrt Betriebsgebiet 

50

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Niedriger Magerrasen

 

Weststreifen Einfahrt Betriebsgebiet 

200

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Vorarlberger Blumen-Schotter-Rasen + Magerwiese

 

Streifen entlang Appenzellerstraße

 

149

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Niedriger Vorarlberger Magerrasen

 

Durchfahrt Betriebsgebiet

65

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost + Baumsubstrat

Niedriger Magerrasen

 

Durchfahrt Betriebsgebiet

85

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost + Baumsubstrat

Niedriger Magerrasen

 

 

Durchfahrt Betriebsgebiet

310

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost + Baumsubstrat

Sonnige Wildblumenwiese

 

Durchfahrt Betriebsgebiet

150

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost + Baumsubstrat

Blumen-Schotter-Rasen

 

Böschung Betriebsgebiet/AB-Böschung

2300

 

Umwandlung/

Neuan

lage

Oberboden/Kies/Schotter/ Kompost auf 500 m²

Vorarlberger Universalwiese

 

Wildblumenwall zum Wohngebiet

2826

1000

500

Neuan

lage

Kies/Schotter/Kompost

Diverse Wildblumensäume und Wiesen

 

Summe

8549 m² neue Lebensräume für heimische Wildpflanzen und Wildtiere

Artenschutz im naturnahen Grün: Wildbienen als Bioindikatoren

Platterbsen-Mörtelbiene. Einer der hochgradig gefährdeten Futterspezialisten im naturnahen öffentlichen Grün von Rankweil.

Das sind die ersten Ergebnisse von 2014, und weil sie so sensationell sind, schieben wir die mal davor.  Der Insektenspezialist Timo Kopf aus Innsbruck kartierte im Auftrag der Vorarlberger Landesregierung, Abteilung Umwelt, Natur und Umweltschutz, Christiane Machold, diverse seit 2011 in Rankweil neu angelegte naturnahe Grünflächen, auch die im neuen Gewerbegebiet. Und hier die Ergebnisse für die Gruppe der Wildbienen in Kürze:

  1. 94 Arten in 1762 Individuen wurden gefangen
  2. das sind beachtliche 31 % der etwa 300 Wildbienenarten Vorarlbergs, ein, wie Timo Kopf bemerkt, "großer Artenumfang"
  3. 5 Arten wurden bislang noch gar nicht in Vorarlberg nachgewiesen
  4. 7 Arten sind in Vorarlberg sehr selten
  5. von vielen Arten wurde nur ein Exemplar gefangen, es ist also zu vermuten, dass noch mehr Arten im naturnahen öffentlichen Grün vorkommen

Wir stellen  fest, so wie es das Buch Natur für jeden Garten bereits für Naturgärten nachgeweisen konnte:

  1. Naturnahes öffentliches Grün hilft wesentlich beim Schutz bedrohter Tierarten
  2. bestimmte, kleinräumig lebende Arten wie etwa Wildbienen können von der Umstellung auf heimische Wildpflanzen enorm profitieren
  3. Wildbienen sind ausgezeichnet geeignet, um den BioWert von öffentlichen Grünanlagen zu bestimmen und anzuzeigen 

Naturnah auf jeder möglichen Fläche

Ja, wir kennen die übliche grobe naturferne Lösung: Rasen und ein paar Bäume. Doch es geht auch feiner und naturnah: mit heimischen Blumenwiesen, Wildblumensäumen, Wildgehölzhecken und Bäumen.

Vor jeder Planung steht die Bestandsaufnahme. Hier entnimmt Mitplaner Fritz Hilgenstock eine Spatenprobe. Was kann man alles mit diesem Boden machen?
Zunächst einmal werden laut Planung von Reinhard Witt sämtliche Verkehrsstreifen in und am Betriebsgebiet in magere Blumenwiesenbiotope umgewandelt. Der Wandkies stammt von der Baustelle.
Als nächstes werden alle möglichen Randflächen im Umfeld ebenfalls renaturiert, hier eine Verkehrsinsel an der Auffahrt zur A 14: 35 m² mehr Naturnah!
Ein richtig großer Brocken ist die ökologische Aufwertung und Renaturierung dieser 2300 m² großen artenarmen Grasböschung hin zu artenreichen Fett- oder Magerwiesen. Hierbei kommen verschiedene Methoden zum Einsatz.
Als letztes wird mit dem mageren Aushubmaterial der Erschließungsstraßen eine 433 m lange und meist 10 m breite Wallhecke mit nährstoffarmen Blumenwiesen und diversen Wildblumensäumen als Lärmschutz aufgebaut, bepflanzt und besät. Das schafft allein 4326 m² Naturschutzfläche.
Vorbildlich in Aktion: Bauhof Rankweil und Praktikanten beim Pflanzen der Wildsträucherhecke auf dem Wall.
Was das alles an Schönheit und Vielfalt an heimischen Wildpflanzen bringt, zeigen uns die nächsten Jahre und Monate. Und was es für die Tierwelt bedeutet, belegen wissenschaftliche Begleituntersuchungen an wichtigen Tiergruppen wie Laufkäfern oder Wildbienen. Wir lassen von uns hören. Seien Sie gespannt!
Natürlich wollen wir auch wissen, ob die Besiedlung neuer Flächen anders verläuft als die bereits bewachsener. Was glauben Sie? Glauben hilft da gar nicht, hier geht es um Wissen!

Das erste Jahr

Im März 2014 wurden die Gehölze gepflanzt, im April dann die Wildblumenflächen eingesät. Was können wir schon erwarten? Rechnen wir mit nicht so viel, es ist ja erst das 1. Jahr. Oder?

Vielleicht zunächst ein Blick, wie kreativ die Gemeinde die Blumenbilder dieses Jahres nutzt.
Das erste naturnahe Gewerbegebiet Europas. So ganzheitlich hat es noch keiner gemacht. Doch naturnahes Betriebsgebiet, geht das überhaupt? Wie werden sehen.
Ja, schon 10-12 Wochen später blühen die schnellen Einjährigen. Diese Flächen müssen natürlich gepflegt werden.
Nelkenleimkraut als Garant für schöne Optik von Anfang an. Eine der Zauberpflanzen aus dem Buch Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten.
Auch der Wildsträucherwall mit seinen insgesamt 12 verschiedenen, vor Ort anzuschauenden Wildblumensaumeinsaaten macht sich bereit für eine große lange Blütezeit.
Unter zwei Hochspannungsmasten war Platz für weitere Säume. Mohnrot als Anfang.
Die Artenanreicherung der stark graslastigen Wiesenböschung ist erfolgreich. Mehr zur Methodik im neuen Naturgartenbaubuch.
Artenschutz funktioniert. Die ersten Raritäten tauchen auf. Hier ein seltener Zwergbläuling. Mehr dazu im nächsten Jahr, dann kommen die Ergebnisse der zoologischen Kartierung!

Das zweite Jahr

"Uns Internetguckern wird ja so schnell langweilig. Bitte keine lahmen Bildschirmschoner mehr zeigen, sondern was Aufregendes, heimische Wildblumen halt. " Bitteschön, Seitensurfer, hier wäre was! Zufrieden?

"Schaukt abä guaat aus", würde der Bayer sagen. Vielleicht? Sicher ist, ich bin keiner und Vorarlberger erst recht nicht. Gut schaut es trotzdem aus.
Ja, ja, diese Blume trägt ihren Namen zu Recht: Prachtnelke. Kennen Sie die schon? Bestimmt nicht aus dem Gewerbe, dem blütenreichen? Dem naturnahen Gewerbegebiet.
Sorry, so war das nicht gemeint: Inzwischen ist das Gewerbegebiet Ausflugsgebiet. "Radeln wir zu den Blumen?"
Blütenmeere, sogar auf der anderen Autobahnseite. Ein Wildblumensaum wie er im Buche steht. In welchem? Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten.
Ich weiß, Sie möchten jetzt so viel wissen, welche Böden, welche Mischungen, welches Einzelsaatgut, welche Pflege? Besuchen Sie doch die Kurse der Landesregierung Vorarlberg dazu.
Auch der Wildblumen-Wildsträucherwall vor dem Wohngebiet macht sich blumig fein.
12 verschiedene Saummischungen stehen hier, zum Anschauen, Verstehen und Nachmachen.
Wenn Sie ein klein wenig bessere Augen hätten, würden Sie den Distelfinkenschwarm entdecken, der schon Mitte Juni fleißig am Ernten ist. Nickende Distel zum Beispiel. Seit 2011 ist er in Rankweil. Seit dem Programm Naturvielfalt in der Gemeinde.
Sage noch mal einer, dass es unter Stromtrassen nicht schön sein kann.
Die Artenanreicherung der Wiesenböschung klappt, man sieht streifenweise, was einmal überall sein soll und wird.
Das Modell Rankweil macht Schule. Inzwischen gibt es diverse Exkursionen dorthin und fachliche Führungen. Hier mit Landesregierung, Ökologieinstitut, Wirtschaftskammer und Gärtner- und Gartenbauverband Vorarlberg.

Mehr Natur & Wirtschaft?


Natur & Wirtschaft? Es bewegt sich gerade sehr viel. Beginn einer Symbiose zwischen Industrie und Natur. Für mehr Projekte auf das Foto klicken. Doch vorher gucken: Ein Schwalbenschwanz im Umspannwerk Bürs der Vorarlberger Illwerke. Wer hat das schon?