Artenschutz im Werksgelände

Im Mai 2013 wird das Gelände als UN-Dekade-Projekt ausgezeichnet.
Daimler ist der erste Industriebetrieb Deutschlands mit einer naturnahen, nach Biostandards zertifizierten Grünfläche.
Die alte Kläranlage musste abgerissen werden.
Versiegelte Flächen, dazu Exotensträucher, invasive Neophyten und Wildwuchs, nichts für den Artenschutz!
Auch der Grünstreifen am Fahrradweg außen nichts Besonders, das muss sich ändern!
Nach dem Abriß sauber sortierte, ebenfalls zu entsorgende Betonbrocken. Bliebe eine Riesenfläche, zu der Zeit noch mit Kies.

Projektkoordination

Ralf Gensicke, Umweltschutz Mercedes-Benz, Gaggenau

Planung

Kerstin Gruber, Neustadt/Aisch

Dr. Reinhard Witt, Ottenhofen

Ausführung

Naturart, Markgröningen

Kunstobjekte

Claudia Dietz, Bildhauerin, Eberdingen

Ingolf Matt, Skulpturen aus Holz, Rastatt

Baujahr: 2012
Fläche: 1530 m²
    1000 m² zentrale Trockenfläche
    2700 gepflanzte heimische Stauden
    500 m² gesäte Wildblumensäume
Kosten: ca. € 50/m²

 

Diese erste zertifizierte Industriefläche Deutschlands ist ein Gemeinschaftsprojekt von drei Fachbetrieben für naturnahes Grün - Empfohlen von Bioland. Kerstin Gruber und Reinhard Witt als Planer sowie die ausführende Firma Naturart arbeiten hier Hand in Hand zusammen. Die Koordinierung übernahm der Umweltschutzmitarbeiter von Mercedes-Benz Werk Gaggenau, Ralf Gensicke. Auch der Naturschutzbund Baden-Württemberg brachte sich mit Martin Klatt aktiv ein. Die Umweltschutzauflage, die alte Kläranlage abzureißen und das Gelände zu renaturieren, war eine Riesenchance für Mercedes-Benz Gaggenau, das Leitbild Natur im Werksgelände zu implementieren. Das 1530 m² umfassende Areal im Getriebewerk Rastatt bietet ein großes Potenzial für den Naturschutz. Es liegt direkt am Riedkanal, einem ehemaligen, zwischenzeitlich begradigten Altrheinarm. Durch die Nachbarschaft zu diesem Fließgewässer konnte eine gefährdete Tierart des 111-Artenkorbes der Baden-Württembergischen Landesregierung gefördert werden: Der Eisvogel, am Ufer wurde eine künstliche Brutwand eingebaut. Der zweite Schwerpunkt der Neuanlage sind die gefährdeten Insekten und Reptilien Baden-Württembergs. Viele Arten dürften auf den Flächen ein Zuhause finden, darunter einige Vertreter der Roten Listen der gefährdeten Arten.

Es wird nicht lange dauern, bis sich z. B. die schöne Blauflügelige Ödlandschrecke einfindet. Damit die Pflanzung lange lückig bleibt - einer ihrer Lebensraumansprüche, wurden auf der zentralen Fläche Wildstauden nur gepflanzt und nicht gesät. Durch spezielle Futterpflanzen für Tagfalter kann das Mercedes-Benz Werk Gaggenau viele Arten fördern, beispielsweise unter den Schmetterlingen verschiedene Bläulinge, Scheckenfalter, Widderchen. Indem sonnige Strukturen, Winterverstecke und sandige Plätze zur Eiablage geschaffen werden, entstehen Lebensmöglichkeiten für die gefährdeten Zauneidechsen.

Etliche weitere Arten aus dem 111-Artenkorb dürften sich hier bei Zuhause fühlen, z.B. die im Totholz nistende Holzbiene. Überhaupt wurden Wildbienen zur Hauptzielgruppe des Artenschutzprojektes. Allein in Baden-Württemberg kommen über 460 Arten vor, die heute zu über 60 % gefährdet sind. Ihre Futterpflanzen sind auf der neu gestalteten Fläche ebenso vorhanden wie Wildbienen-Nisthilfen, die von Mercedes-Benz-Mitarbeitern gebaut werden. Zu den Magerrasen, Steinriegeln, Totholzstämmen der Hauptfläche fügen sich wertvolle biologische Randstrukturen hinzu: Mehr oder weniger hohe Wildblumensäume aus verschiedenen Wildpflanzen. Sie bieten ganzjährig Blüten, Samen, Versteck, Winterquartier und Reproduktionsmöglichkeiten für die Fauna. Unter anderem auch für den Distelfinken - eine weitere Spezies aus dem 111-Artenkorb.

Noch während der Fertigstellung der Fläche im März 2012 umkurvten erste Mauerbienen die frisch aufgestellten Baumstämme, während Sandbienen sich an ihren Sandflächen zu schaffen machten. Und Claudia Dietz, Bildhauerin aus Eberdingen und Mitarbeiterin von Naturart, sichtete bereits das erste Zauneidechsenweibchen zwischen den extra dafür aufgeschütteten Grobschotterfluren. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber noch keine einzige Wildstaude auf dem Gelände! Doch das haben wir am nächsten Tag in ansehnlicher Stückzahl nachgeholt: Insgesamt 2700 heimische Wildstauden kamen in die mineralischen Böden aus Sand, Schotter und Kies. Jetzt sind Sie bestimmt neugierig, wie es weitergeht? Kein Problem: Die weitere Entwicklung des Projektes kann hier verfolgt werden.

Große Ehre: Im Mai 2013 wird das Projekt als Un-Dekadeprojekt ausgezeichnet, im Juni 2015 ein zweites Mal!!

 

 

 

Umsetzung - Vielfalt beginnt auf der Baustelle

Der Kniffelige bei Artenschutzprojekten wie diesem liegt im Detail. Um artgerecht planen zu können, muss man ein halber, besser: ganzer Biologe sein, der Verhalten und Biotopansprüche der Tiere kennt. Sonst geht die Geschichte schnell nach hinten los. Aber Unis sei Dank gab es sogar zwei Biologen auf der Baustelle. Der eine vom NABU, der andere als Planer und Bauleiter.

A & O ist die Wahl unterschiedlicher Substrate. So schaffen wir vom zauneidechsentauglichen Grobgeröll bis zum insektenfeundlichen Feinsand Material- und damit Artenvielfalt.
Das Holz für Mercedes stammt - natürlich - aus dem Rastatter Forst. Allerbestes wie Hainbuche, Eiche und Co.
Naturart aus Möglingen setzen hier Hartholzstämme für Wildbienen, eine auch künstlerisch anspruchsvolle Aufgabe.
Eindrucksvoller Skulpturenwald der Baumformen. Dahinter steckt ein Herz für Wildbienen und Schlupfwespen
Liegende Baumstämme als Verbindungsstraßen für Eidechsen.
Bis hin zum Kreisverkehr aus Holz ist alles da.
Claudia Dietz baut Unterkünfte und -schlüpfe für Zauneidechsen.
So entsteht zoologisch inspiriert ein Mosaik von Lebensraum-Strukturen, Sonnen-, Schattenplätzen, Unterschlupf und Winterversteck bis hin zum Brutplatz. Jede Tiergruppe braucht dabei anderes.
Beispiel Eisvogel. Dass der NABU ein schlagkräftiger Naturschutzverband sei, ahnten wir schon. Aber so gewaltig wie Martin Klatt bei Bau der Eisvogelbrutwand? Wir weichen...ehrfurchtsvoll.
Mindestens so groß ist der Eisvogel garantiert, der hier brütet, erklärt Bauleiter Reinhard Witt den Mitarbeitern von Naturart.
Die Sache relativiert sich, als er den Brutkasten sieht und mit Ralf Gensicke von Daimler einbaut.
Die fertig eingebauten zwei Eisvogelhöhlen am Riedkanalufer. Sehen Sie sie? Nicht! Prima, dann war die Arbeit gut.
Kennen Sie El Blindo? Nein, dazu gehören Sie nicht, hier trotzdem das mit Lehm abgedichtete Einflugloch in Nahaufnahme.

Wildpflanzen - Basis allen Seins

Fehlten nur noch Dalmatiner Storchschnabel und irgendwelche andere exotischen Bodendecker. Welche? Egal, Hauptsache grün. Auch egal woher! Hauptsache billig. Das wäre der Normalfall. Aber so sind Fachbetriebe für Naturnahes Grün nicht. Sie verwenden heimische Arten, im besten Falle aus biologischem Anbau. Insgesamt 2700 Stück aus 36 Arten kamen auf die Fläche, das macht schon beim Ausstellen was her.

Hilfe, welcher Idiot hat diesen irrwitzigen Plan gemacht? Wie soll man solche Schlangenlinien nur in Wirklichkeit umsetzen?
Da sind sie, die Schätzchen. heimische Vielfalt aus der Biogärtnerei Strickler, ebenfalls Fachbetrieb für Naturnahes Grün.
Beim Auslegen doppeln und ergänzen wir die Geländenutzung. Nicht nur Bäume und Steine strukturieren jetzt das Gelände, sondern ebenso die Wildpflanzen. Sie bilden Brücken und Inseln, verbinden und verschmelzen isolierte Bereiche. Leben als Mosaik von Strukturen - toten wie lebendigen.
Feinsand, optimale Insektenkörnung. "Und darin sollen Rundblättrige Glockenblumen wachsen? Ich fasse es nicht!"
"Die Planer gehören sofort verhaftet. Nur heimisches, unnützes Zeugs, Unkrautscheiss, keine Ahnung von Tuten und Blasen. Jetzt sogar Aufrechten Ziest! Soll ja angeblich die Futterpflanze der Wollbiene sein. Wollbiene, dass ich nicht lache!"
Wer ist denn schon wieder dieser freundliche ältere Herr auf der Baustelle? Ach ja, der Draufschläger Martin Klatt vom Naturschutz, wir erinnern uns an die Eisvogelwand! Der kann ja auch ganz anders!
Ralf Gensicke von Daimler müht sich redlich, wilde Pfingstnelken und Scharfen Mauerpfeffer zwischen die Steine des Haufens zu kriegen.

10 Wochen später -zarter Blütenschein

Zweieinhalb Monate die erste Belohnung. Es blüht, wunderschön. Aber nicht vollflächig, wärmeliebende Insekten brauchen noch Platz für Sonnenstrahlen.

Ralf Gensicke hat gut getan. Hier blühen "seine" Pfingstnelken in Kombi mit Scharfem Mauerpfeffer.
Und die scharf beäugte Rundblättrige Glockenblume? Im Feinsand? Schauen Sie doch selbst, statt diese einfältigen Texte zu lesen. Die neben Karthäusernelken, ein Bild für Bücher.
Woanders sausen Natternkopf-Mauerbienen durchs Terrain! Wie bitte! Genau, diese, auf die hübsche Pionierstaude spezialisierte Widbienenart, eine Gefährdete aus dem 111-Arten-Korb der Landesregierung.

Zwölf Wochen später - feierliche Eröffnung

Ja, es ist so weit. Das Mercedes-Benz Werk Gaggenau macht was draus. Ein Fest für Sinne, für Geist und vor allem für die Seele. Aber auch für Hände. Denn es gibt noch was zu tun. Lehrlinge treiben Bohrmaschinen zur Weißglut, gepflanzt und gegossen wird von unüberschaubar vielen Freiwilligen. Und es gibt Kunst, aus Holz und Stein. Kurzum: Wir feiern das Leben, das leben darf: Natur & Wirtschaft.

Was sind Wildpflanzen? Wachsen die auf so was? Und wie pflanzt man? Reinhard Witt erklärt.
Danach gehts zur Sache. Daimlerleute sind schnell. Und gründlich! Auch beim Wildstaudensetzen.
Die Bohrmaschinen laufen heiß, derweil warten Wildbienen schon auf ihre Lehrlings-Löcher.
Hier ist sie, die allergrößte ihrer Art, vom Holzbildhauer Ingolf Matt, Mercedes-Benz-Mitarbeiter.
Planer, Künster, ausführende Firma, Standortleitung Werk Gaggenau:Das ganze Team mit der von Naturart gestifteten Sandstein-Echse. Kein Leichtgewicht!

Ein Jahr später - bunt, artenreich, endlich natürlich

Wir ahnen es schon. Das Gelände gerät ins Blühen, Insekten und Besucher ins Schwärmen. Den im Mai 2013 verliehenen Unesco-Preis für Nachhaltigkeit haben sich alle Anwohner des Geländes redlich verdient. Danke! Nachtrag: Erste Zauneidechsenjunge bevölkern das Gelände.

Vor der Preisverleihung: Pflegeeinsatz durch Umweltschutzbeauftragten Gensicke und ein Freiwilligenteam vom Werk.
Martin Klatt vom NABU bei seiner bewegten und bewegenden Festrede für die hohe Politik.
Was spricht die Wildbiene hierzu? Mmmpffhh!
Initalpflanze Dornige Hauhechel wartet auf Hummelspezialistenbesuch.
Was meint der Steinmarder angesichts einer nur steinernen Eidechse? Da sch... ich drauf!
Sensationell: Frisch geschlüpfte Zauneidechsen bevölkern das Gelände, das eigens für sie gebaut wurde. Sie finden auf den strukturreichen Trockenstandorten genau den Schutz und die Nahrung, den sie brauchen. Für das Foto musste sich Umweltreferent Ralf Gensike ganz schön abmühen.
Und was sagen wir: Unglaublich, was alles in einem Jahr möglich ist.
Sensationell: Die vorhergesagte Blauflügelige Ödlandschrecke ließ sich nicht schrecken. In Massen bevölkert sie inzwischen das Gelände.

Biodiversität - kleine Geschichte vom Bläuling

Nichts ist so einfach wie es aussieht. Wer Schmetterlinge sehen will, muss heimische Wildpflanzen setzen. Logo! Also Hornklee für die Bläulingsraupen? Falsch!

Die Sache ist anders. Als Saatgut und im Gartencenter wird oft die vierfach höhere Kulturform des Hornklees verkauft. Eine Monsterpflanze - halb so hoch wie ein Mensch. Kein Bläuling mag Stickstoffdünger pur - und landwirtschaftliche Zuchtsorten erst recht nicht. Hier ist die Original-Wildform.
Wer das nicht weiß, denkt nur, dass er richtig handelt. Standortleiter Dr. Matthias Jurytko weiß jetzt, was wirklich richtig und wichtig ist.
Und handelt. In der Hand eine ganze Kiste heimischer Hornklee, die echte Wildart.
Auftrag erfüllt, alles gepflanzt. Daimler hat seine Hausaufgabe in Sachen Biodiversität gemnacht. Der erste Konzern Deutschlands. Spitzenreiter nicht nur bei Autos, sondern auch bei Natur & Wirtschaft.

Zertifizierte Biodiversität

Das erste nach Biostandards zertifizierte Industriegelände Deutschlands. Artenschutz pur kombiniert mit strengen Biorichtlinien. Mehr geht nicht.

Das Biozertifikat belegt: Daimler ist der erste Industriebetrieb Deutschlands mit einer naturnahen, nach Biostandards zertifizierten Grünfläche.
Nicht alle verstehen, was da geschieht, jedenfalls gleich. Mit dieser Tafel aber auf jeden Fall. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit ist Voraussetzung für Erfolg.

Weitere Flächen 2014 und 2015

Projektkoordination

Ralf Gensicke, Umweltschutz Mercedes-Benz, Gaggenau

Planung

Dr. Reinhard Witt, Ottenhofen

Baujahr: 2014
3150 m² Wildobst-Wilblumensaumhecke
542 m² Wildblumenwiesen verschiedener Typen

Baujahr: 2015
485 m² verschiedene Wildblumenwiesen

Beflügelt durch das rundherum positive Feedback kommen weitere Flächen hinzu, diesmal im Werksinneren selber. Nach und nach entsteht ein Biotopmosaik im und rund ums Werksgelände, Stück für Stück Artenvielfalt. Das Prinzip Natur & Wirtschaft greift. 

450 lang und 7 m breit wird eine Wildsträucher-Wildobsthecke gepflanzt. Die Umweltschutzgruppe von Daimler arbeit sich fleißig vor. Und dann kommen die Einsaaten. Hunderte von Wildblumenarten.
Im nächsten Jahr sieht das schon gut aus. Trotzdem muss gejätet werden.
An insgesamt fünf Standorten erfolgen im Werksinneren neue Ansaaten mit Blumenwiesen oder Artenanreicherungen bestehender Grasflächen.

Süchtig nach Natur & Wirtschaft?

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